

Bewegung und Handlung
pp. 94-101
in: Gabriele Brandstetter, Sabine Doering, Günter Blamberger (eds), Kleist-Jahrbuch 2007, Stuttgart, Metzler, 2007Abstract
Nachfolgende Glosse erhebt keinen Anspruch auf Originalität.1 Sie will bloß zutreffen. Die Überlegungen entstammen einer größeren Untersuchung, die davon ausgeht, dass in den Erzähltexten Kleists das Verhältnis zwischen Bewegung und Handlung ein zentrales Problem ausmacht. Eine andere Formulierung der Prämisse wäre: Es geht in den Texten Kleists nicht bloß um die Wiedergabe, um die Deskription von Handlungen — dies die gängige Definition der Erzählung —, sondem um die Grenze, an der die Erzählung aus ihrem Anderen entsteht. Gezogen wird diese Grenze durch die Attribution von Sinn. Denn Handlungen haben das auf sich, dass sie extern — etwa durch empirische Beobachtung — von Bewegungen nicht zu unterscheiden sind. Nur intern — nämlich dadurch, dass der Bewegung einen Handlungssinn zugewiesen wird — hebt sich Handlung von Bewegung ab. Mein Arm, vielleicht aufgrund einer unwillkürlichen Zuckung, geht in die Höhe: Das ist eine Bewegung. Ich hebe meinen Arm, vielleicht um jemandem zuzuwinken: Das ist eine Handlung. Die Handlung — im Unterschied zur bloßen Bewegung des Arms — ist just das, was ich tue. Sie ist die Bewegung selbst, aber von innen heraus — eben durch den Sinn — belebt, ich möchte sagen: begeistigt. Der Sinn verbindet die Momente der Bewegung zu einer übergreifenden Einheit. Solche Einheiten zu identifizieren, sie in hierarchische Strukturen einzubringen und damit höhere Einheiten — umfassende Handlungen, Handlungssequenzen — zu bilden, macht die Grundoperation des Verstehens von narrativen Texten aus.